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Schwimmen in Geld – private Pools der Wirtschaftswunderjahre

26. November 2017

Farbenfrohes und Wand füllendes Keramikkunstwerk von Peter Lechner im Schmalöerschen Schwimmbad: entstanden 1966. Der Wittener Künstler hat es jüngst noch restauriert.

Architekten sammeln Skizzen, gerne Architekturbücher und Grafik, mitunter Designer-Geschirr oder Geometrisches. Manche sammeln sogar Häuser. Aber Schwimmbäder?

Der Architekt Richard Schmalöer sammelt private Pools. Das ist so ungewöhnlich wie eigentlich unmöglich. In jedem Fall ist es zeitraubend. Nach 13 Jahren unermüdlichen Sammelns und ungezählten Fotos hat der Dortmunder BDA-Vorsitzende aus dem Bad-Projekt ein Buch gemacht: „Schwimmen in Geld – private Hallenbäder des deutschen Wirtschaftswunders“. Was lange währt, wird mitunter richtig gut. Der Lese- und Fotoband ist ein richtig gutes Buch geworden.

Die eigene Familiengeschichte gab den Anstoß, sich diesem doch eher seltsamen Forschungsgebiet zu widmen. Das Bad der hochaltrigen Eltern im einst schicken Bungalow verfiel zusehens. Dann kamen andere Bäder als Aufträge auf den Tisch. Ein großes Becken in Bochum sollte zu Kinderzimmern umgebaut werden, ein anderes Hallenbad zur Fuge zwischen zwei Häusern, und in einem Garten-Pool sollten künftig Frösche quaken. So ging es immer weiter mit den alten Becken und Barfuß-Zonen, die keiner mehr brauchte. „Ein Bautyp schien zu verfallen, dann zu verschwinden“, schreibt Richard Schmalöer in seinem Vorwort. Sein Ehrgeiz, eine besondere Baugeschichte zu bewahren, war geweckt. Und seine Neugier auf die Nasszellen sprach sich herum in der Region.

Die Tempel der Freizeit, Ausdruck einer noch jungen aufstrebenden Bundesrepublik, sollten als Zeitdokument erhalten bleiben. So wanderten die ersten Bilder von himmelblauen Becken ins Archiv. Nach mehr als einem Jahrzehnt haben Ralf Dördelmann, Angela Elbing, Chiara Nardini, Detlef Podehl, Christoph Scholz und zuletzt Stephan Schwabe weit mehr als ein Dutzend Bäder in und um Dortmund dokumentiert, genau hingeschaut und auch die Details in Szene gesetzt: die blitzblanken Becken unter vertäfelten, verschossenen Holzdecken, den einsamen braunen Bademantel am Saunahaken, den flammenroten Fliesen-Schick der 1960er oder das Wandmosaik mit bunten Reihern und Schilfkolben aus den 1950ern. Es scheint, die Bäder sind sich selbst überlassen, die Besitzer gerade verschwunden. So sind die Bilder in dem Buch nicht nur klassische Architekturfotos sondern auch stille Studien über eine Aufsteiger-Gesellschaft, die sich den Sprung ins eigene kühle Nass damals leisten konnte.

Die Ausstellung zur Buchpräsentation fand an ungewöhnlichem Ort statt: in einem Schwimmbad.

Richard Schmalöer erzählt in seinem Buch aber auch ein Stück Familiengeschichte, erinnert an Gewinner und Verlierer, erzählt von Aufstieg und Fall, Wandel und Veränderung, von einer Kindheit mit mutigen Köppern und vorsichtigem Eintauchen in die Jugend. Und Erzählen kann er wirklich gut  – mit Zwischentönen und einem feinem Gespür  auch für die Risse in einer vermeintlich „glückseligen Wohlstandswelt“.

Darüber hinaus blickt der Architektur-Journalist Ulrich Brinkmann in seinem Beitrag zum Buch („Wohnen im Wirtschaftswunder“) auf eine vergessene, aber so wichtige Wohnform zurück. Der Historiker Ingo Grabowsky ordnet die Zeit des Wiederaufbaus gesellschaftspolitisch ein. Diese Dreier-Kombi macht „Schwimmen in Geld“ zu einer lebendigen und spannenden Dokumentation.

Man kann das Buch aber auch kaufen, weil es außergewöhnlich schön (gestaltet) ist – mit einem Einband aus grauem Leinen, geprägtem Titel und ganzen und halben Seiten in diesem unverwechselbarem Schwimmbadblau.

So wird „Schwimmen in Geld“ selbst zu einem Sammlerstück. Nicht nur für Architekten.

Schwimmen in Geld – Private Hallenbäder des deutschen Wirtschaftswunders, Richard Schmalöer, 200 Seiten, Verlag Kettler, ISBN 978-3-86206-641-4, 28 Euro

INFO:

Im Rahmen der Kunst-Reihe „Im Hinterzimmer der Architekten“ – 2005 von Richard Schmalöer und seiner Kollegin Susanne Schamp entwickelt  – wird die Bäder-Ausstellung noch bis Anfang Februar in Dortmund gezeigt: im 1960er-Jahre-Schwimmbad der Eltern Schmalöer  – mittlerweile saniert, aber trocken gelegt. Besichtigungstermine nach Vereinbarung: 0231 – 28 66 26-0. Mehr Infos auch unter http://www.das-hinterzimmer.de

Text/Fotos: Simone Melenk

Richard Schmalöer, BDA-Vorsitzender der Gruppe Dortmund Hamm Unna (r.), bei der Ausstellungseröffnung anlässlich der Buchpräsentation von „Schwimmen in Geld“.

 

Ein besonderer Ort für ein besonderes Projekt: Die Gäste stehen „im“ Becken. Im Hintergrund das Keramikkunstwerk von Peter Lechner.